6, setzen. Die Sache mit dem Noten geben

Eine der für mich schwierigsten Aufgaben als Lehrerin – und zugleich der essentiellsten dieses Jobs – ist die Benotung. Ich tue mich damit schwer, sehr schwer. Fragt meine Freund_innen. Denn sie dürfen sich mein Wehklagen regelmäßig anhören. Wieso ich wehklage? 

1. Weil ich den Fehler für schlechte Ergebnisse grundsätzlich zuerst bei mir suche.

Was da wohl ganz entscheidend mit rein spielt, ist fehlende Erfahrung. Denn wie ich bereits im ersten Post auf as clueless as you erwähnte, habe ich zwar mein Studium abgeschlossen, doch das Referendariat nicht absolviert. Aufgrund des Lehrkräftemangels bin ich trotzdem an der Schule und tue dort, was Lehrer_innen eben tun. Unterrichten. Für weniger Geld. Und unvollständig ausgebildet. 

Und da die Leistungsbewertung eben Teil der praktischen Ausbildung – also des Referendariats – ist, kam ich bisher nicht in ihren Genuss. Was tut man also, wenn etwas von einem erwartet wird, das man nie gelernt hat? Um es mit Elifs Worten zu sagen: „Fake it till you make it.“

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter, ganz im Gegenteil. Stattdessen bemühe ich, wo ich nur kann: ich vergleiche meine Bewertungen mit den Noten vergangener Halbjahre, zeige meine selbst erstellten Arbeiten Kolleg_innen, informiere sie über Ergebnisse, hole Informationen zu den Lernenden ein und reflektiere immer wieder meinen Unterricht sowie meine Leistungsmessungen.

Und trotzdem lassen die Zweifel nicht locker. War die Aufgabe missverständlich? Hab ich deutlich gemacht, dass sie das lernen müssen? Können sie das überhaupt schon? Habe ich sie im Unterricht auf den Umgang mit dieser Aufgabe vorbereitet? Es kommt vor, dass nicht alle diese Fragen mit ja beantworten kann, denn ich bin eben Anfängerin und weiß, dass da nicht immer alles perfekt läuft. Doch selbst wenn ich bei einer Korrektur alle Fragen für mich mit ja beantworte, verschwinden die Zweifel nicht. Denn… 

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Mfw I have to give bad grades. Okay, vielleicht war es auch nur die Reaktion auf das, was mein Freund da gerade sagte.

2. Ich habe Angst, den Schüler_innen unrecht zu tun.

Beide Gründe gehen Hand in Hand. Denn, klar, ich habe Angst, ihnen unrecht zu tun, weil ich an meinen Kompetenzen hinsichtlich der Leistungsbewertung zweifle. Bei diesem Punkt geht es jedoch viel mehr um mögliche Konsequenzen von Bewertungen: Ich habe Angst, meinen Schüler_innen  Wege zu verbauen. Hier ein kurzes Beispiel, um das ganze weniger abstrakt zu machen:

Zum zweiten Halbjahr übernahm ich eine fünfte Klasse im Fach Englisch. Zum Endjahr musste ich die Bewertung für das gesamte Schuljahr aus den Bewertungen der vorherigen Lehrkraft und den meinen erstellen. Mir fiel auf, dass die Ergebnisse im ersten Halbjahr noch deutlich besser waren und sich kontinuierlich verschlechterten.

Die rationale Steffi dazu: „Natürlich, zum einen sind sie zum Schuljahresanfang an einer neuen Schule meist hoch motiviert. Außerdem wird der Unterricht ja auch nach und nach komplexer, da neue grammatikalische Strukturen, Vokabeln etc. dazukommen. Da ist es doch ganz normal, dass sich das Leistungsfeld ausdifferenziert.“

Und nun die irrationale Steffi: „Mist! Alles meine Schuld! Weil ich erstens eine schlechte Lehrerin bin und zweitens die Arbeiten viel zu schwierig waren, haben sie nun schlechte Ergebnisse bekommen.“

Die Bewertungen dieses Schuljahres flossen mit in die Entscheidung ein, welche der Kinder ab dem neuen Schuljahr französisch belegen durften. Und hier komme ich nun endlich auf den Punkt: Ich suche die Schuld, dass einige Kinder nicht am Französischuntericht teilnehmen können, bei mir. Besser gesagt bei meiner Qualifikation als Lehrerin. Wären die Bewertungen bei einer anderen Lehrkraft anders? Verbaue ich ihnen gerade wichtige Wege?

Ja, so drastisch werden meine Gedanken zum Teil. Doch allmählich merke ich, dass es besser wird. Mittlerweile kann ich oftmals rationaler auf solche Ergebnisse blicken. Und ich weiß, dass hier vielmehr ein strukturelles Problem vorliegt. Denn nicht ohne Grund ist das Referendariat ein zentraler Bestandteil der Lehrer_innenausbildung. Und unter anderen Umständen (ohne akuten Lehrkräftemangel) gäbe es diese große Zahl Studierender und Masterabsolvent_innen an den Schulen auch nicht. 

Das Benoten als solches wird dadurch leider trotzdem nicht attraktiver. Und das ist wohl ein persönliches Problem. Denn ich finde es einfach schrecklich, schlechte Noten zu geben. Selbst wenn ich weiß, dass die Verantwortung bei den Lernenden liegt und mir die Faulheit, die zu einer schlechten Bewertung führt, beispielsweise fast aus einer Ausarbeitung entgegen springt. Selbst dann widerstrebt es mir, eine 4 oder etwas Schlechteres darunter zu schreiben. Ich habe mit Kolleg_innen darüber gesprochen, die wie ich ohne zweites Staatsexamen an der Schule arbeiten und dabei gemerkt, dass einige da viel distanzierter mit umgehen und meine Gedanken teils gar nicht nachvollziehen konnten.

Und trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass meine Schüler_innen wüssten, was das Geben schlechter Noten bei mir auslöst. Dass es keine Genugtuung für mich ist, schlechte Noten zu verteilen. Dass ich Arbeiten teils zwei- dreimal durchgehe um irgendwo noch den einen Punkt zu finden, der zur besseren Note führt und dass jede schlechte Zensur mir einen kleinen Stich versetzt.

 

Wie ist das bei euch? Könnt ihr distanziert mit der Notengebung umgehen oder habt ihr teils ähnliche Gedanken? Und aus (ehemaliger) Schüler_innenperspektive: Welche Erfahrungen habt ihr mit der Notengebung eurer Lehrkräfte gemacht?

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